Das Early Takeoff Syndrome (ETS) bei Hunden

Was ist das, wie äußert es sich und was kann man tun? Alle Antworten von der Hundeexpertin!

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Zuletzt aktualisiert am: 22.12.2023

Ein beiger Hund springt ueber eine Huerde beim Agility.jpg

Das wichtigste in Kürze

  • ETS - Early Takeoff Syndrome = zu frühes Abspringen von Sporthunden am Sprunghindernis
  • Der Höhepunkt der Flugphase wird beim Early Takeoff Syndrome zu früh erreicht
  • Folglich wird auch die Landung beim ETS zu früh eingeleitet
  • Folge: Gefahr einer Kollision mit dem Hindernis steigt durch das Early Takeoff Syndrome
  • Konsequenz: Verletzungsgefahr und mentale Belastung durch ETS
  • Tipps & Ratschläge zum Early Takeoff Syndrom (ETS) von der Hunde-Expertin

In diesem Fachartikel beleuchtet unsere dogondo-Expertin, Hunde-Physiotherapeutin und Hunde-Osteopathin sowie erfolgreiche aktive Agility-Hundesportlerin, Lisa Margraf, das sogenannte Early Takeoff Syndrome (ETS) bei Sporthunden.

Das Early Takeoff Syndrome (ETS) bedeutet sinngemäß ins Deutsche übersetzt: "zu frühes Abheben/Abflug/Absprung Syndrom".

Damit wird ein Verhalten von Hunden im Hundesport beim Sprung am Hindernis beschrieben, bei dem der Sporthund zu früh zum Sprung ansetzt und abspringt - sprich, nicht den idealen Absprungpunkt erwischt. Demzufolge der gesamte Flug (Flugablauf) des Hundes übers Hindernis nicht die optimale Flugbahn durchläuft, da zum einen die Flugphase zum Überqueren des Hindernisses zu früh eingeleitet wird und folglich auch die Landung zu früh erfolgt. Im ungünstigsten Fall wird der Hund in das Hindernis stürzen, sich körperlich verletzen und/oder die erlebte Erfahrung zu einem traumatischen Ereignis, das den Hund mental nachhaltig belastet.

Alle weiteren wissenswerten Informationen, hilfreiche Ratschläge und praktische To-dos zum Early Takeoff Syndrom (ETS) kannst Du nun hier in den weiteren Ausführungen von Lisa Margraf nachlesen.

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ETS - Early Takeoff Syndrome beim Hund

Wenn der Hund zu früh zum Hindernissprung ansetzt.

Was ist das Early Takeoff Syndrom (ETS) und wie äußert sich dieses bei Hunden?

In vielen Hundesportarten wird von unseren Hunden das überwinden eines oder mehrerer Hindernisse durch Springen gefordert. Im höchsten Maße sind Sprünge im Agility zu beobachten. Dabei wünschen sich viele Hundesportler, dass der Hund selbstständig den optimalen Absprungpunkt wählt, sich während der Flugphase streckt und die Landung im richtigen Moment einleitet, um im Anschluss daran wieder kraftvoll und schnell anzutreten – das ist aber nicht so einfach.

Mittlerweile kommt es gar nicht mehr so selten vor, dass Hunde im Sport ein ungenügendes Sprungverhalten zeigen. Im Training oder auf Wettkämpfen sieht man neben gut ausgebildeten und perfekt springenden Hunden, auch Vierbeiner, die Sprünge taxieren, den Absprungpunkt nicht finden, eine unzureichende Flugbahn zeigen, oder andere Sprungprobleme vorweisen. Das mindert nicht nur das Leistungsvermögen des Hundes, sondern kann schnell auch gefährlich werden, wenn Hunde in Hindernisse hineinfallen oder stürzen. Zudem nimmt mit jedem „Misserfolg“ die psychische Belastung für den Hund zu.


Early Takeoff Syndrom: Was versteht man darunter?

Beim Early Takeoff Syndrome (ETS) handelt es sich um eine Sprungproblematik, die das zu frühe Abspringen bei Sporthunden beschreibt. Die Problematik stellt sich relativ vielschichtig dar und reicht von der kaum sichtlichen Schrittverkürzung im Anlauf bis hin zum starken Taxieren des Hundes vor dem Absprung. Egal um welches Ausmaß sich handelt: Beim ETS springt der Hund zu früh ab. Das heißt er findet seinen optimalen Absprungpunkt nicht, wodurch auch die Flug- und Landephase verändert wird. Optimalerweise erreicht die Flugphase ihren Höhepunkt dann, wenn sich der Hund direkt über dem Hindernis befindet. Der Landepunkt befindet sich bei einem geraden Sprung idealerweise in derselben Entfernung wie der Absprungpunkt. Springt der Hund zu früh ab, erfährt die Flugphase ihren Höhepunkt bereits bevor sich der Hund direkt über dem Hindernis befindet. Dementsprechend wird auch die Landung zu früh eingeleitet – im schlimmsten Fall direkt über dem Hindernis - und der Hund landet zu früh oder sogar in der Hürde. 

Das Early Takeoff Syndrom ist ein "Phänomen", dass bei Sporthunden beim Absprung am Hindernis im Hundesport auftritt.

In solchen Fällen sollte der betroffene Hund zunächst gesundheitlich durchgecheckt werden. Neben der klinischen Untersuchung im besten Fall bei einem spezialisierten Tierarzt und der Röntgendiagnostik, sowie dem Check des Nervensystems und der Organe, kann ein Besuch beim Sporthundephysiotherapeuten/-osteopathen wahre Wunder bewirken, da Verspannungen, Blockaden o.ä. das Sprungverhalten beeinträchtigen können. Hilft das nicht weiter, ist eine Untersuchung der Augen beim Spezialisten ratsam, wobei eine normale Augenuntersuchung nicht ausreichend ist. In den letzten Jahren ist durchaus eine Häufung von Sehproblematiken bei Hunden zu beobachten und natürlich kann eine Kurz- oder Weitsichtigkeit das Sprungvermögen beeinträchtigen. Dennoch wurde bei den Bemühungen die Ursache des Early Takeoff Syndroms (ETS) herauszufiltern kein Zusammenhang zwischen dem Syndrom und einer Fehlsichtigkeit festgestellt. ETS scheint vielmehr ein visuelles Problem der Tiefenwahrnehmung zu sein und/ oder einer Verarbeitungsschwierigkeit von Information vom Gehirn. Eine abschließende Ursache ist bisher leider noch nicht bekannt, genauso wie es bisher keine allgemeingültige Behandlung des Syndroms gibt. 

Generell kann jeder Hund betroffen sein. Interessant ist aber, dass die Thematik bei einigen Hunderassen und in bestimmten Zuchtlinien gehäuft auftritt. Die Vermutung einer genetischen Komponente kann daher durchaus vermutet werden. Daher ist es erstrebenswert, wenn Züchter bei der Auswahl ihrer Verpaarungen das ETS berücksichtigen.

Early Takeoff Syndrom kann grundsätzlich bei jedem Hund auftreten, allerdings gibt es eine Häufung bei diversen Rassen.

Lange wurde vermutet, dass das Early Takeoff Syndrom plötzlich auftritt. Heute weiß man, dass es sich um einen längeren Entwicklungszeitraum handelt. Das Sprungverhalten verschlechtert sich nach und nach. Anfangs ist eventuell nur das gelegentliche Stangenschmeißen des Hundes zu beobachten. Die Situationen häufen sich dann oft und immer mehr Fehler am Sprung passieren. 

Linda Mecklenburg beschäftigt sich schon lange mit dem Thema und konnte feststellen, dass vor allem die „Sondersprünge“, wie Reifen, Doppel- oder Weitsprung, ein Problem für den Hund dar. Das liegt mitunter daran, dass sich der betroffene Hund am vordersten Element eines Hindernisses orientiert - beim Doppelsprung also zum Beispiel an der ersten Stange – und nicht das Hindernis als Ganzes wahrnimmt. Irritierend kann hierbei auch die Zeitmessanlage, die vor dem ersten Sprung platziert wird, für den Vierbeiner sein, da er sich eben an dieser orientiert. Vorherrschend ist hier keinesfalls ein Kraftdefizit, sondern eine Fehleinschätzung des Hindernisstandortes. Mit jedem Misserfolg an einem Sprung, verliert der Hund zugleich an Selbstbewusstsein und ist erhöhtem Stress ausgesetzt, wodurch sich die Auffälligkeit zunehmend verschlimmert – der Teufelskreis ist in vollem Gange. Aber Vorsicht: Nicht jeder Hund mit ETS schmeißt Stangen oder crasht in Hürden und andersherum leidet nicht jeder Hund, der eine Stangenproblematik hat am Early Takeoff Syndrome (ETS). Wichtig ist in jedem Fall, dass bei Auffälligkeiten im Sprungverhalten zunächst körperliche Probleme ausgeschlossen werden. 

Wie erkennt man das Early Takeoff Syndrome (ETS)

Das ETS ist schwer zu „diagnostizieren“, wenn es denn überhaupt möglich ist. Wie der Name schon sagt, müssen mehrere Symptome vorherrschen, um auf das Syndrom schließen zu können. Dazu zählt nicht nur, dass der Hund Stangen beim Sprung über Hindernissen abwirft und zu früh abspringt, sondern auch der veränderte Anlauf: Beim ETS werden die einzelnen Galoppsprünge verkürzt und das Tempo verringert. Oft ist außerdem zu beobachten, dass betroffene Hunde ihren Kopf deutlich absenken oder das Hindernis unökonomisch überwinden – also z.B. viel zu hoch springen. Linda Mecklenburg beschreibet außerdem, dass häufig unterschiedliche Lichtverhältnisse die Symptomatik verstärken und der Vierbeiner auch die Zonen bei Running Contacts nicht mehr korrekt abarbeitet. Das liegt ebenfalls daran, dass der Hund das Ende des Gerätes nicht abschätzen kann. Zu beachten ist, dass sich die Symptomatik vielschichtig zeigen kann: Manch betroffener Hund zeigt nur in bestimmten Situationen oder nur an wenigen Sprüngen die Auffälligkeit, bei anderen hingegen ist sie bei jedem Hindernis zu beobachten. Nicht selten variiert die Symptomatik auch von Tag zu Tag und wird durch die umgebende Stimmung (z.B. auf einem Wettkampf) und die Emotionen des Hundeführers zusätzlich beeinflusst. 

ETS - Was wird betroffenen Hund-Mensch-Teams empfohlen?

Betroffenen Teams wird in den meisten Fällen zu einem intensiven Sprungtraining geraten. Oftmals ist dem auch nichts entgegenzusetzen, wobei eine nicht ausreichend ausgebildete Sprungbasis nicht die Ursache des Syndroms ist.

Innerhalb des Sprungtrainings während einer Einheit ist meist auch eine Verbesserung der Sprungtechnik zu beobachten. Grund dafür ist nicht selten, dass der Hund sich in die Situation einfindet und sich durch die Wiederholungen merkt, wo sich das Hindernis im Raum befindet. Wird eine andere Sequenz geübt, zeigen betroffene Hunde auch innerhalb einer Trainingseinheit die Auffälligkeit erneut. Handelt es sich um das ETS wird sich das Sprungverhalten auch auf lange Sicht nicht komplett optimieren lassen. Teilweise ist dann sogar zu beobachten, dass ein intensives Sprungtraining die Problematik sogar verschlimmert. 

Manche Hunde lernen nach und nach mit dem Syndrom klarzukommen und können auch erfolgreiche Agility-Sportler werden. Hundesportler können ihre Vierbeiner durch Änderung ihres Führstils unterstützen. Für andere bedeutet das ETS das Karriereaus vor allem im Sinne der Verletzungsprophylaxe. Bisher können keine bekannten präventiven Maßnahmen ergriffen werden, um das Syndrom zu verhindern. 

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