Die Bedürfnisse beim Hund

Was bedeuten Bedürfnisse in der Hundehaltung und -erziehung?

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Zuletzt aktualisiert am: 2.5.2024

Hund frisst Trockenfutter aus bunter Schuessel und schaut den Betrachter seitlich an.jpg
Synonyme
  • Bedürfnisstruktur

Ein Bedürfnis stellt einen bewussten oder unbewussten, häufig physiologischen Mangel dar, den der Hundehalter mindern muss. Die Bedürfnisverringerung wirkt belohnend auf das unmittelbar vorausgehende Verhalten. Die Wirkung einer Belohnung steht also in einer Beziehung zum durch sie befriedigten Bedürfnis.

Die meisten der hier detailliert beschriebenen modernen Trainingsmethoden basieren auf der positiven Verstärkung, die Teil von Skinners Theorie über die operante Konditionierung ist. Weniger lerntheoretisch gesprochen, kann man unter „positiver Verstärkung“ die Erlangung einer Belohnung auf Grund eines Verhaltens verstehen. Die erlangte Belohnung sorgt dafür, dass das belohnte Verhalten häufiger gezeigt wird, weil es sich lohnt. Über diesen Zusammenhang zwischen positiver Verstärkung und Verhalten lernt ein Organismus ohne Trainer in der Umwelt, wobei die Umwelt kein konkretes „Lernziel“ verfolgt: Der Umwelt als Ganzes ist das Verhalten einzelner Organismen „egal“. Im Hundetraining und in der Hundeerziehung sind es aber bestimmte Verhaltensweisen, die der Hund auf Grund der bewusst gegebenen Belohnung häufiger zeigen soll. Entsprechend ist es wichtig, dass die Belohnung auch als solche wahrgenommen wird, damit sie tatsächlich als solche wirkt. Um einen guten Trainingserfolg zu erzielen, ist es für den Trainer wichtig, möglichst korrekt einzuschätzen, womit er eine belohnende Wirkung erzielt.

Dies gilt natürlich nicht nur für Hundetrainer, sondern für Trainer und Lehrer aller Art. Aus diesem Grund ist über die Frage, was ein Organismus als lohnend wertet, Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit.

Bedürfnisse im radikalen Behaviorismus

Die Behavioristen, deren radikalster Anhänger Skinner war, wollten die Psychologie und damit die Verhaltensforschung samt Lerntheorien ausschließlich auf der Basis beobachtbarer und messbarer Einflussgrößen aufbauen. Skinner verbannte daher alle Annahmen zu inneren, nicht messbaren Größen, in eine „Black-Box“. Aus diesem Grund spielen in seinen Theorien Bedürfnisse keine Rolle. Statt vom Bedürfnis „Hunger“ zu sprechen, maß er das Normalgewicht seiner Versuchstiere, um sie vor seinen Experimenten mit einer Diät auf 80 % dieses Gewichts zu verschlanken. In seiner Theorie zur positiven Verstärkung definiert er einen Verstärker denn auch auf Grund seiner Wirkung, was aber zu einem Zirkelbezug führt und es kaum zulässt, bereits vor Beginn der operanten Konditionierung zu wissen, was die Wirkung eines positiven Verstärkers entfalten wird, wie in diesem Absatz des ersten Teil unserer Artikelreihe zur Lerntheorie nachzulesen ist.

Zusammenhang zwischen Bedürfnissen, Bedürfnisstrukturen, Bedürfnisreduktion, innerem Milieu und Trieb

Der französische Arzt Claude Bernard prägte in den 1860er Jahren den Begriff des inneren Milieus. Er verstand hierunter die Zusammensetzung der Flüssigkeiten im Innern des Körpers. Für die einzelnen Bestandteile sind optimale Sollwerte definiert. Sind für alle Faktoren die Sollwerte exakt erreicht, liegt ein ausgeglichenes inneres Milieu vor. Werden sie unterschritten, müssen die Defizite ausgeglichen werden: Ein Bedürfnis wird verursacht.

Auf diesen Ansatz griff in den 1940er Jahren Hull zurück, um sich mit der Wirkung der Bedürfnisse auf Verhalten zu beschäftigen. Eine Liste der primären Bedürfnisse, die der Lebenserhaltung dienen und nicht erlernt werden müssen, könnte hierbei so aussehen: von denen nach Nahrung, Wasser, Luft über das nach Ruhe und Schlaf. Dem stehen die sekundären Bedürfnisse gegenüber, die nicht angeboren, sondern erlernt sind wie soziale Anerkennung. Weiterhin ging er davon aus, dass jedes Lebewesen danach strebt, das innere Milieu und damit die Bedürfnisse möglichst ausgeglichen zu halten. 

Nach Hulls mathematisch formulierter Theorie, die hier detailliert dargestellt ist, verursacht die Summe der Bedürfnisse, also die Summe der Abweichungen einzelner Faktoren des inneren Milieus unter die Sollwerte, einen unspezifischen Trieb zu Handlungen: unspezifisch deshalb, weil die dem Trieb zu Grunde liegenden unterschiedlichen Bedürfnisse zum selben Trieb führen, mit dem Ergebnis, dass Hunger, Durst und Müdigkeit die Stärke desselben Triebs vergrößern. Die Triebstärke nimmt ab, wenn die Summe der Bedürfnisse sinkt. Liegen gleichzeitig Hunger und Durst vor und verursachen eine bestimmte Triebstärke, verringert sich diese, wenn der Durst durch Trinken befriedigt wird. Hierbei wirkt die Triebreduktion verstärkend oder belohnend auf das ihr vorausgehende Verhalten, hier das Trinken. An dieser Stelle entsteht die Verbindung zur positiven Verstärkung Skinners, die ebenfalls mit dem Begriff der Verhaltensverstärkung, also mit Belohnungen, arbeitet. Hull bezeichnet das Ergebnis dessen, was Skinner positive Verstärkung nennt als „Gewohnheit“ und nimmt an, dass diese die Auswahl des Verhaltens beeinflusst.

Die Veränderlichkeit der Bedürfnisstruktur durch Verhalten im Laufe der Zeit

Wenn dasjenige Verhalten häufiger gezeigt wird, das belohnt oder verstärkt wird und gleichzeitig gilt, dass eine Belohnung sich durch ihre bedürfnisreduzierende Wirkung auszeichnet, kann gefolgert werden, dass jedes Verhalten sich auf die Bedürfnisstruktur und damit auf die Wirksamkeit einer Belohnung zu einem bestimmten Zeitpunkt auswirkt: Ein Hund, der gefressen hat und daher aktuell pappsatt ist, wird ein weiteres Futterstück nicht so belohnend empfinden, wie einer, der noch nicht gefressen hat und daher hungriger ist. Auf einen Hund, der grade lange und intensiv gespielt hat und daher müde ist, wird ein weiteres Spielangebot wenig belohnend wirken.

Kenntnis und Steuerung der aktuellen Bedürfnisse ermöglicht sicheres Belohnen

Um sicherzustellen, dass eine dargebotene Belohnung als solche wirkt, ist es daher wichtig, eine möglichst sichere Abschätzung der aktuell vorliegenden Bedürfnisstruktur des Hundes zu kennen. Denn nur, wenn das als Belohnung Dargebotene ein grade vorliegendes Bedürfnis reduziert, tritt die gewünschte belohnende und verhaltensverstärkende Wirkung ein.

Die aktuelle Bedürfnisstruktur eines Hundes kann von einem Hundehalter durch Verhaltenseinschränkung oder -deprivation gesteuert werden: Wird der Hund vor dem Training daran gehindert, das Verhalten „Fressen“ zu zeigen, indem ihm kein Futter gegeben wird, besteht das Bedürfnis „Hunger“ uneingeschränkt fort. Das führt dazu, dass die Gabe von Futterstückchen belohnend wirkt: Von dem Futter geht ein angenehmer Reiz aus, der verstärkend wirkt und als Hinweisreiz für das hungermindernde Verhalten „Fressen“ dient.  

Eine solche Verhaltenseinschränkung, die darauf abzielt, ein bestimmtes Bedürfnis aufrecht zu halten, damit eine belohnende Verstärkung wirkt, muss natürlich mit Augenmaß vorgenommen werden: Einen Hund auszuhungern, damit er immer hört, ist weder fair dem Tier gegenüber, noch wäre es mit dem Tierschutz vereinbar, denn der Tierhalter ist verpflichtet, die Bedürfnisse seines Tieres zu decken. Allerdings kann er einen Teil der Bedürfnisdeckung an Bedingungen knüpfen.

Wie welche Bedürfnisse erzieherisch genutzt werden können, findest Du im Lexikonbeitrag "Belohnung" und in größerem Kontext hier im zweiten Teil unserer dreiteiligen Artikelserie zur Lerntheorie.

Bedürfnisse, die ein Hundehalter decken muss

Ein Hund weist eine Menge verschiedener Bedürfnisse (Grundbedürfnisse) auf, die von dem nach Futter über Beschäftigung und Auslauf, Pflege, Ruhe und Schlaf bis zu dem nach Sicherheit reichen und deren Befriedigung eine artgerechte Hundehaltung ausmachen.

Bedürfnisse des Hundes auf einen Blick

Die grundlegensten und wichtigsten Bedürfnisse beim Hund, die auch innerhalb der Hundehaltung und bei freilebenden Hunden im täglichen Fokus stehen und gedeckt werden wollen, sowie je nach Bedürfnis auf Grund der Notwendigkeit zum Überleben befriedigt werden müssen, sind u.a. folgende:

  • Artgerechte Ernährung  - der Hund will letztlich satt werden
  • Frisches Wasser - das Bedürfnis Durst und der individuelle Wasserbedarf wollen gedeckt sein
  • Schlaf- und Ruhebedürfnis wollen befriedigt werden
  • Das Bedürfnis nach Sicherheit hat für den Hund einen hohen Stellenwert
  • Sich lösen und das Geschäft machen zu können, ist ein Grundbedürfnis (Kot/Harn)
  • Bewegungsbedürfnis und die kognitive Forderung durch Beschäftigung sind Bedürfnisse
  • Hygiene und Körperpflege (Pflege) stehen im Zentrum der Hundebedürfnisse
  • Soziale Bedürfnisse mit Sozialkontakt zu Menschen, Artgenossen und anderen Tieren

Willst Du noch mehr über die Bedürfnisse von Hunden erfahren? Dann hast Du nun die Gelegenheit dies in unserem ergänzenden Fachartikel "Das sind die Bedürfnisse eines Hundes" zu tun. Hier verrät Dir unsere Expertin alles, was Du für ein erfülltes Hundeleben Deines geliebten Vierbeiners beachten musst.

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