Juckreiz beim Hund

Wenn der Hund sich ungewöhnlich viel juckt und kratzt

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Zuletzt aktualisiert am: 9.9.2023

Weiss braun gefleckter Hund sitzt auf der Wiese und kratzt sich.jpg

Juckreiz

Juckreiz, auch Pruritus (lat. prurire = jucken) genannt, ist eines der häufigsten Symptome innerer und äußerer Erkrankungen des Hundes. Chronischer Juckreiz kann besonders quälend für Hund und Halter sein, da er die Lebensqualität mitunter massiv einschränkt. Durch Verletzungen der Haut kann das ständige Kratzen außerdem zu Infektionen führen, die dem Tier weiteren Schaden zufügen. Er kann mit oder ohne Hautirritationen einhergehen und verschiedenste Ursachen haben. Die Therapie erfolgt symptomatisch oder durch Ausschaltung des Auslösers. Dieser Artikel soll Ihnen Hilfestellung bieten, um den Teufelskreis Juckreiz zu verstehen und bestmöglich zu verhindern. 

Wie entsteht Juckreiz?

Die genauen Abläufe des Juckreizes sind bislang noch nicht komplett bekannt. Früher ging man davon aus, dass es sich um eine spezielle Form des Schmerzes handelt, da Juckreizpunkte und Schmerzpunkte der Haut eng beieinanderliegen und auch die Weiterleitung der Empfindung an das Gehirn ähnlich verläuft. Mittlerweile weiß man aber, dass Juckreiz nicht über Schmerzrezeptoren erkannt und verarbeitet wird, sondern „eigene“ freie Nervenfasern anspricht. Als Hauptauslöser fungiert dabei das besonders von Heuschnupfen und anderen allergischen Reaktionen bekannte Histamin. Es gibt aber noch weitere Moleküle und Proteine, die als Auslöser bekannt sind oder in Verdacht stehen. Zum Beispiel Serotonin, Substanz P, Tryptase, Gastrin Releasing Peptide (GRP) und natriuretisches Polypeptid b (Nppb).

Trotz unterschiedlicher Rezeptorstellen hängen Juckreiz und Schmerz eng zusammen, denn sie können interagieren bzw. sich überlagern. Das ist zum Beispiel der Grund dafür, dass sich manche Menschen und Tiere wortwörtlich blutig kratzen. Je mehr man kratzt, desto mehr Schmerzreiz setzt man. Der Schmerz überwiegt irgendwann den lästigen Juckreiz und sorgt für Zufriedenheit. Dieses Phänomen wird unter dem Namen „Gate-Control-System“ beschrieben.

Ein weiteres interessantes Phänomen in Zusammenhang mit Juckreiz ist die „Ansteckung“. Juckreiz spricht nämlich, genau wie das Gähnen, sogenannte Spiegelneuronen im Gehirn an und wird außerdem speziell abgespeichert. Deshalb juckt es uns oft automatisch, wenn wir einen Menschen oder ein Tier beim Kratzen beobachten oder Parasiten sehen, die wir mit Juckreiz verbinden (Flöhe, Mücken, Milben etc.). Vermutlich ist dies ein Trick der Natur, um Artgenossen vor einem möglichen Parasitenproblem zu warnen/schützen. Denn hat ein Tier in der Gruppe parasitären Juckreiz, haben die anderen Tiere oft auch schon lästige „Mitbewohner“ ohne es bemerkt zu haben. Je früher man nun kratzt und damit hoffentlich die frechen Biester von Fell und Haut vertreibt, desto weniger Schaden können sie anrichten.

Welche Ursachen für Juckreiz gibt es?

Juckreiz kann akut oder chronisch auftreten und verschiedenste Ursachen haben. Grob unterscheidet man Juckreiz mit sichtbaren Hautveränderungen („Pruritus cum materia“) von Juckreiz ohne sichtbare Hautveränderungen („Pruritus sine materia“). Ersterer hat logischerweise ein Hautproblem als Ursache, letzterer kann organische oder psychische Ursachen haben. Möglich sind:

  1. Pruritus cum materia:
    • Allergie: z.B. Flohspeichelallergie, Futtermittelallergie, Umweltallergie (Pollen, Schimmel, Raumspray etc.), Kontaktallergie (Waschmittel, Eichenprozessionsspinner etc.)
    • Autoimmunerkrankung: z.B. Pemphigus foliaceus
    • Infektionen: z.B. bakterielle Infektion (Staphylokokken, Streptokokken, Leishmanien etc.), Pilzinfektionen (Malassezien etc.), virale Infektionen (Pocken etc.)
    • Parasitenbefall: z.B. Flöhe, Milben (Sarkoptes, Demodex, Cheyletiellen etc.)
    • Hauttumoren: Mastzelltumor, epitheliotrophes T-Zell-Lymphom
    • heilende Hautwunden
  2. Pruritus sine materia:
    • Allergie: z.B. Futtermittelallergie, Umweltallergie (Pollen, Schimmel, Raumspray etc.)
    • Medikamentenüberreaktion: z.B. spez. Antibiotika, spez. Schmerzmittel etc.
    • Infektionen: z.B. bakterielle Infektion (Staphylokokken, Streptokokken, etc.), Pilzinfektionen (Malassezien etc.)
    • Parasitenbefall: z.B. Flöhe, Milben (Sarkoptes) 
    • organische Erkrankungen: z.B. Lebererkrankungen, Nierenerkrankungen, Diabetes mellitus, Analdrüsenentzündung etc.
    • Hautaustrocknung: z.B. nach Baden, altersbedingt o.Ä.

Gerade bei chronischem Juckreiz ist es aber nicht immer klar, ob es sich um 1. oder 2. handelt. Denn Hautveränderungen können Juckreiz auslösen, aber Juckreiz kann auch, über permanentes Kratzen, zu Hautveränderungen führen. Überlegen Sie daher immer genau, was zuerst da war: der Juckreiz oder die Hautveränderung. 

Um dem Auslöser auf den Grund zu kommen, sind Hautproben, Blutentnahme oder Allergietests sinnvoll. Mitunter geben aber schon die Lokalisation des Juckreizes (Kopf, Beine, Bauch etc.) oder weitere Symptome (z.B. Beschlecken der Analgegend) entscheidende Hinweise. 

Sinnvoll kann auch eine Definition der Intensität sein, die bei bestimmten Auslösern typisch ist oder um den Therapieerfolg zu beurteilen. Zum Beispiel 0 = kein Juckreiz, 1 = gelegentlicher Juckreiz, 2 = häufiger Juckreiz tagsüber, 3 = häufiger Juckreiz auch in der Nacht.

Wann ist Juckreiz ein Fall für den Tierarzt?

Tritt Juckreiz nur gelegentlich auf oder ganz eindeutig aufgrund eines bestimmten Ereignisses, das zeitlich limitiert ist, also von selbst vorübergeht (z.B. nach Mückenstich, Futterwechsel bei Futtermittelallergikern), ist Juckreiz natürlich kein Grund für einen Tierarztbesuch. Vermehrtes Jucken/Kratzen kann außerdem bei Welpen oder sensiblen Hunden als Übersprungshandlung bzw.  zum Stressabbau beobachtet werden und bedarf meist ebenfalls keiner Behandlung. Außer evtl. einer Verhaltenstherapie, Training oder Managementänderung.

Einen Tierarzttermin sollten Sie immer dann vereinbaren, wenn Hautveränderungen, Parasiten oder weitere Symptome im Spiel sind oder der Juckreiz länger andauert. Denn nicht nur die Ursachen an sich, sondern auch der anhaltende Juckreiz kann zu körperlichen Beeinträchtigungen führen. Durch permanentes Kratzen kommt es zu Hautverletzungen mit ggf. Entzündung/Infektion und die dauernde Reizung ist quälend. Dadurch werden Gesundheit und Lebensqualität gemindert.

Wie behandelt man Juckreiz?

Leidet ein Hund unter Juckreiz, muss meist zuerst symptomatisch behandelt werden, um den Teufelskreis von Juckreiz-Kratzen-stärkerer Juckreiz-weiteres Kratzen zu unterbrechen und dem Tier Erholung zu verschaffen. Dabei kommen z.B. Halskragen/Halskrause, Verbände, Antihistaminika, Serotonin-Blocker, Janus-Kinase-Hemmer und Glukokortikoide zum Einsatz. Es ist allerdings zu beachten, dass Medikamentengabe bei der Ursachenfindung kontraproduktiv sein kann und entsprechend gewisse behandlungsfreie Zeitfenster eingehalten werden müssen, wenn genauere Diagnostik (Blutuntersuchung, Pricktest etc.) erfolgen soll.

Ist die Ursache des Juckreizes bekannt, sollte diese natürlich entsprechend behandelt werden. Bei unklarer Ursache kann mit Futterumstellung und Änderung der Haltung aber meist trotzdem Linderung verschafft werden.

Hier einige Beispiele:

Parasitenbefall -> Antiparasitika

Futtermittelallergie -> Futterumstellung + medikamentelle Juckreizlinderung

Umweltallergie -> medikamentelle Juckreizlinderung + ggf. Futterumstellung

Stressjuckreiz -> Verhaltenstherapie/Training + ggf. Futterumstellung

Analdrüsenproblem -> Entleerung der Analdrüsen

Wie kann man Juckreiz vorbeugen?

Juckreiz komplett zu vermeiden ist nicht möglich. Dennoch kann man durch einfache Maßnahmen vorbeugend schon viel erreichen:

  • regelmäßige Untersuchung des Tieres (zur schnelleren Erkennung von Krankheitsanzeichen)
  • regelmäßige Parasitenprophylaxe (zur Vermeidung parasitären Juckreizes)
  • ausgewogene Ernährung (zur Erhaltung der allgemeinen Gesundheit und der Hautgesundheit)
  • Zufütterung essentieller Fettsäuren (Leinöl, Lachsöl etc.) zur Unterstützung von Haut und Fell
  • nicht zu viele verschiedene Futtersorten füttern, um bei Auftreten einer Allergie noch eine passende Futtersorte in der Hinterhand zu haben 
  • strenge Futterdiät bei bekannter Allergie (um allerg. Juckreiz zu lindern / zu vermeiden)
  • optimale Haltungsbedingungen schaffen (um Stress/Unterforderung/Überforderung als Auslöser für psychisch bedingten Juckreiz zu vermeiden) 
  • regelmäßige Entleerung der Analdrüsen bei bekanntem Analdrüsenproblem (um Juckreiz durch übervolle oder entzündete Analdrüsen zu vermeiden)
  • Baden des Hundes nur mit passendem Hundeshampoo (um Hautirritation/-austrocknung als Juckreizursache zu vermeiden)
  • Vermeidung der juckreizauslösenden Ursache bei bekannter Allergie z.B. nicht durch hohe Blumenwiesen / Gras / Äcker laufen bei Pollenallergie

Einige Fakten zum Symptom Juckreiz auf einen Blick:

Risikofaktoren / Ursachen Symptome / Krankheitsanzeichen Behandlung / Therapie Präventive Massnahmen / Vorbeugung
siehe Auflistung im Text oben sich Kratzen Halskragen / Halskrause artgerechte Fütterung
  Zuckungen der Hautmuskeln Verbände Parasitenprophylaxe
  Unruhe, Umherwandern, ständiges Umdrehen Antihistaminika Allergikerfutter bzw. Vermeidung von Allergenen
  abgeschleckte / abgebissene Haare Serotinin-Blocker Zufütterung essentieller Fettsäuren
    Janus-Kinase-Hemmer Stressvermeidung
    Glukokortikoide regelmäßige Entleerung der Analdrüsen
    Futterumstellung  
    Verhaltenstherapie / Managementmaßnahmen / Stressvermeidung  
    Behandlung der Grundursache  

Synonyme

  • Pruritus

Pflanzen

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